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Literaturwettbewerb 2010

Literaturwettbewerb 2010

Es ist, wie es ist

Die Preisträger*innentexte

Peter Hönig

Dann und dort

Still wird mein Mund sein
meine Haut
meine Augen
still meine Hände
unbeweglich auch.
Lachen werd ich nicht mehr
oder weinen
nicht einmal husten
oder schwer atmen
nur still sein.
An der eingenisteten Zeit
werde ich mich reiben
und aussöhnen
bis mir die Haare ausgehen
und die Knochen nicht mehr sind
bis ich wieder Erde bin
um den Kreis zu schließen.
Werde ich dann aber nicht mehr sein
nur weil ich nicht mehr bin?

Arlette Meier

fliegen
will
ich
nicht landen
nicht abbremsen
nicht bleiben
Stillstand fällt tief
bricht mir die Flügel
Veränderung wollend
wollt ich dich nicht
verändern
einen hohen Preis zahlend
machte die Unmöglichkeit
möglich
ansonsten gäbe es uns nicht
zwei Engel auf Erden
nur die Ungebundenheit
aneinander
bindet uns
lässt uns frei
zusammen
fliegen
will
ich

fabian

limitiert

Leer, wach, nackt, Morgen. Bad, Schaum, Schnitt, Blut.
Tropft, tupft, Creme, brennt, lässt nach, tut gut.
Tasche, Akten, Küche, Kaffee. Socken, Schuhe, Mantel, raus.
Zeit im Nacken, eingestiegen. Augen zu, Gedanken aus.
Knopf im Ohr und Kopf geleert. Sitzen, Warten, Zug um Zug.
Träges Stehen, Gehen, Greifen. Kurze Zeit und nie genug.
Ausgestiegen, umgewendet, kurz den fremden Blick erhaschen.
Gleiche Mäntel, Schuhe, Blicke. Gleiche Augen, Aktentaschen.
Schritte, Treppen auf die Straße, Eingang, Aufzug, Graugebäude.
Lebensnah doch lebensfern. Leblos ohne Lebensfreude.
Stechen, Uhren, Druck und Zeiten, Deadline, Fristen, Ticken, Zeiger.
Täglich stundengeile Hure, Stricher, Ekel, Zeitverneiger.
Buckeln, beugen, biegen, brechen. Tag geht auf und um und aus.
Zug nach Hause, Zug im Tunnel. Türe auf, dann zu, im Haus.
Hemd und Mantel, Schuhe, Tasche, weg, am Boden, nackt im Flur.
Fallen lassen, ausgezogen, Kleidung fällt als Lebensspur.
Duschen, Wasser, Tropfenklopfen an die Ohren, Stirn, Gesicht.
Ewig Wassersonnenstrahlen. Dampfgefärbt gedämpftes Licht.
Ausgestiegen, abgetrocknet. Stufen, barfuss, Sofadecke.
Müde Augen, müder Körper. Warten auf der Sofaecke.
Küssen, wach, kurz Augen auf. Gemeinsam legt man sich jetzt nieder.
Morgen, Wecker, wachen beide. Abends sieht man sich erst wieder.
Tage leer, gefüllt, gelebt. Auf und ab vergeht die Zeit.
Selten spürt man Wachmomente, denkt an sich und Endlichkeit.

Tina Willms

Schöpfung

Aus abgetragenen Stunden
Worte fischen, Momente
abtropfen lassen –

Sonnenraues Papier.

Über die Farbe des Tages streichen.
Hellblau gestern. Heute:
Grau.

Cornelia Chudzinski

Das sechste Element

Unter dem Wind

schläft das Feuer

glutäugig

wartend

Unter dem Wind

weiden die Wasser

trinken

gierig

das zitternde Eis

Unter dem Wind

lotsen Wolken

taumelnde

Wanderdünen

aus Luft

Unter dem Wind

flüstert das Land

nennt das Geheimnis

der Zeit

und

die Erde erbebt

Klaus Servene

ich spreche

wie eine wolke ist meine stadt,
an einem blauen himmel.
kinder spielen darin mit dem sand der erinnerung.
hunde schnüffeln darin an verlorenen spuren.
mauern stehen darin aus grünem efeu.

und im fluss schwimmt eine gitarre aus holz.
die moschee hat eine grüne kuppel aus mitmenschlichkeit,
die kirche einen blauen turm aus sanfter vernunft,
die synagoge einen zaun aus weichem laub.

wenn der blitz aus meiner wolke zuckt,
in einem heißen sommer der zukunft,
und sich die weiten parks füllen mit nässe
und lachenden mündern unter regenschirmen,
dann werde ich zur wolke sprechen

wie eine wolke ist meine stadt, notgedrungen
verheißungsvoll, einen zerrissenen himmel im schlepptau.
aufgebrochen ins unbekannte,
das es nicht gibt, ist meine stadt.

sich leid und satt und doch hungernd
nach glück wie eine insel nach sand.
ich spreche: meine stadt nur zwei worte.
zwei worte. ich weiß.
und im fluss schwimmt
eine gitarre aus holz.

Stefanie Schmitz

Meine kleine amerikanische Sehnsucht

Es wurde Abend
und die Schatten nahmen Maß
an der Landschaft

Das große hungrige Tier namens Freiheit
fraß die Meilen
und spuckte sie als Staub auf den Asphalt

In der Nacht hingen die Städte
wie glitzernde Perlen
an der endlosen Schnur der Highways

Wir fuhren weiter,
bis uns die Straßen ausgingen

Diana Krewald

Sternenfänger

Wir waren immer ein Teil
dieser Dunkelheit.
Ich nannte dich
Karmesin, Purpur und Golden.

In deinem sternenbesetzten
Netz fingst du Kometen und
Galaxien für mich,
nur für mich.

Bis es kalt wurde
und Frost sich auf deine
Lippen legte.

Im Netz zwischen uns
schwebte ein blauer Planet.
Seine Kälte strahlte jetzt
aus deinen Augen.

Der Planet sang für dich.
Hell und silbrig.
Sein Herz angefüllt voll
ruheloser Schatten.

Du sagtest, Erde und
er pulsierte vor Freude.

Tränen auf meinen Wangen
erstarrten zu Eis.

Noch nie hattest du Dingen
Namen gegeben,
das war immer mein
Privileg gewesen.

So verließ ich dich,
mein Liebster und wurde
Teil dieser anderen Dunkelheit,
dem Urdunkel,
was keinen Namen trägt.

Lisa-Maria Rakowitz

Es ist, wie es ist

Weißt du
Wie das ist?
Immer nur versuchen
Immer nur
Vergebens.
Und nie kann ich das sein, was ich sein will.
Immer bin ich nur ich
Immer ist es nur eine Skizze, ein einsamer Versuch
Und ein furchtbares Scheitern.
Wie gern würd’ ich mehr sein
Wie gern würd’ ich aufstehen und sagen: Das bin ich
Das alles bin ich!
Aber immer nur bleibt es eine Vermutung
Alles unausgesprochen
Und tausend Fragen in meinem Kopf, die ich mir nicht zu stellen wag’
Und keine Antworten.
Bin das ich?
Ja

Ursula Lüthe

Jugend

Wir glaubten
felsenfest

zwar nicht an Gott
aber an alles Mögliche

an die Kunst
den Zufall
und das Leben
im Vorübergehen

kopfüber
kopfunter
stürzten wir
in jeden Schlamassel
der sich uns bot

schielten
nach der Liebe
liefen ihr nach
vor ihr weg

taumelten
durch Tage
Nächte
die unerschöpfliche Zeit

atemlos

immer unterwegs
ohne Ziel
nur so

Stephanie Pohl

Nur Wir

Wenn alle Alltagsgeräusche
vor der Dämmerung
in den Besteckkasten flüchten,
wenn die letzte Stunde
weder blau funkelt,
noch rot im Abend glänzt,
die Konturen unserer Schatten
nur noch einen Umriss haben,
und sich mit der Wand vermischen,
keine Tür mehr quietsch
und klappert,
alle Schritte
von den Treppen gefegt sind,
und alle Kostüme
sorgfältig zusammengelegt,
dann ticken
die Uhren lauter,
dann höre ich
Dein Herz schlagen,
dann bist Du bei mir,
und ich bin bei Dir,
dann sind wir
nur wir.

Programm

Liebe Freunde der Literatur!

Es ist wieder so weit. Die 16 Preisträger des Hildesheimer Lyrik-Wettbewerbs 2010 sind gefunden und werden in diesem Mini-Gedichtband veröffentlicht. Neben der klassischen Suche nach den schönsten Gedichten, den größten Nuggets im Fluss der Poesie war uns auch die Motivation der Autoren wichtig. Was treibt die Menschen zum Schreiben? Worin liegt die Bedeutung der Lyrik in dieser Zeit? Denn mit großer Freude sehen wir, wie viele Menschen mit dem Schreiben von Gedichten einen Ausdruck suchen. Darunter viele, die sonst kaum eine Möglichkeit finden, sich im Literaturbetrieb Gehör zu verschaffen. „Unsagbares sagbar machen und so das Wesentliche einer Sache zum Schwingen bringen, ohne es auszusprechen, ist das Schöne – das Faszinierende am Gedicht!” (Jo Köhler, Mensch bzw. Dichter) Teilnahmeberechtigt waren deutschsprachige Autoren aus aller Welt. Über 11.000 Interessierte haben die Wettbewerbsseite in den ersten 6 Wochen angeklickt; über 1.300 Beiträge von Autoren aus Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlanden, Italien, Irland und Spanien sind zum Wettbewerb eingereicht worden. Damit zählt der Hildesheimer Lyrik-Wettbewerb zu den gefragtesten in ganz Deutschland.

Rückmeldungen

Sehr geehrter Herr Köhler,

es erstaunt mich immer wieder, wie viel Sie und Ihr Verein auf die Beine stellen und wie sehr Sie sich bemühen dem Gedicht, dass heute ja selbst in den Schulen kaum noch Beachtung findet, ein Forum zu verschaffen. Schön zu wissen, dass Sie damit Erfolg haben und vor allem, dass auch junge Leute sich ansprechen lassen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Gedichte, deren Worte und Rhythmen in der Jugend vermittelt werden, die Menschen oft ihr Leben lang belgeiten und vor allem, dass sie ihren Trost und Halt sein können. Ich fände es beruhigend, wenn auch künftige Generationen im Wort eine Heimat finden können.

Auch darum danke ich Ihnen und Ihren Kollegen für Ihre Arbeit.

Ursula Lüthe, Köln

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte mich nochmals herzlich bedanken, dass Sie uns beim einloggen behilflich waren. Die Teilnahme an Ihrem Literaturwettbewerb ist mir sehr wichtig. Entsprechend grandios war die Freude, dass es nun gestern endlich geklappt hat!
Die Motivation zu schreiben: 10 Jahre weile ich unter Euch, stumm und mangels funktionstüchtiger Motorik im Rollstuhl sitzend. Mit meiner Begleitperson besuche ich die 7. Klasse Gymnasium. In meiner Freizeit übe ich laufen, schreibe und dichte. Manches wurde auch schon veröffentlicht.
Ganz liebe, sommerliche Grüße
aus Bayern, auch von meiner Mutter!

Raphael Müller

Lieber Jo Köhler,
liebes Team des Lyrikpreises !

Erstmal vielen Dank für Ihr schöne Initiative. Daß Sie Gedichten eine
solche Chance im Alltag einer Stadt wahrgenommen zu werden geben, finde ich sehr schön. Und über die Veröffentlichung im Internet erreichen Sie dann noch zusätzliche Strahlkraft.

Angela Hoffmann, Adelheidsdorf

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