Wettbewerbe

Wettbewerbe

Hildesheimer Literaturwettbewerbe ziehen seit über einem Jahrzehnt Autor*innen aus aller Welt und in jedem Alter an. Unter wechselnden Themen wie „Zwischen den Zeilen“ oder „Was mir heilig ist“ reichen hunderte Autor*innen ihre Texte ein, aus denen eine Jury ihre Favoriten auswählt. Eine Jury ist dabei immer divers besetzt mit Mitgliedern aus dem Literaturbetrieb, Schreiber*innen und ganz „normalen“ Leser*innen. Gemeinsam werden die über tausend Einreichungen diskutiert und eine Mischung gefunden, bei der es nicht um den kleinsten gemeinsamen Nenner geht, sondern vielmehr um eine Vielfalt an Themen und literarischen Formen. Im Anschluss an den Wettbewerb werden die Werke der Preisträger*innen in Form von Plakaten und Bannern im Stadtraum und im Nahverkehr veröffentlicht.

Zeitstrahl

Lyrikwettbewerb 1997Horizonte

Lyrikwettbewerb 2007Mit Poesie und Phantasie

Die Preisträger*innen

Monika Steinmetz

Die phantasiebegabte Sprache dieses Gedichtes, ihre Poesie ohne aufgesetzten Pathos, das bildhafte Schaffen von Atmosphäre und Energie (vor allem zwischen den Zeilen) und nicht zuletzt die Innenansicht einer ausgeträumten Liebe, die dem Zauber des Anfangs auch den Zauber des Endes entgegensetzt, hat die Jury überzeugt.

Marie Friederike Kaufmann

Die große Authentizität der Sprache, die Suche nach der Traumhaftigkeit des kindlichen Lebens und die Originalität der dafür gebrauchten Bilder haben die Jury überzeugt.

Imre Máté

Die melancholische Kraft, die Knappheit der Sprache und der analytisch durchgreifende Blickwinkel auf ein gesellschaftliches Problem unserer Zeit hat die Jury überzeugt.

Ingo Cesaro

Die Nüchternheit der Sprache, das Stillleben der Einsamkeit in einer auseinanderfallenden Familie, in der das gemeinsame Fernsehen manchmal das einzige und letzte Band ist, was Eltern und Kinder noch haben und das leise, wie ein einfacher und dann plötzlich auflebender Wein beim Abgang, den Leser um so ergreifender packende Gefühl für die geistigsoziale Verödung unserer Zeit hat die Jury überzeugt.

Karla Baier

Das für Lyrik ungewöhnliche Thema, die nüchterne und sehr knappe Sprache, die auf den ersten Blick betrachtet vielleicht gar kein Gedicht ist (?) und beim zweiten Durchlesen dann aber um so mehr und dem Leser – zwischen den Zeilen – viel Raum für eigene Gedanken und konkrete Phantasien lässt, hat die Jury überzeugt.

Claudia Reddmann

Die große lyrische Kraft und leidenschaftliche Melodik, mit der hier literarisch argumentiert wird, von einem imaginären Ich zu einem fiktiven Du, das gefangen ist im eigenen Dasein, thematisiert das Paradox der zunehmenden Einsamkeit des (eigenen) Individuums im Zeitalter der Kommunikation und hat die Jury überzeugt.

Sonja Heitmann

Die innere Stringenz und die leidenschaftliche Melodik, mit welcher hier der jugendliche Zorn eines liebenden Ichs erzählt wird – sich dieser Zorn aufs äußerste verdichtet und genau dadurch im innersten wieder auflöst, hat die Jury überzeugt.

Lyrikwettbewerb 2008Lebensräume Lebensträume

Die Preisträger*innen

Dorita Kaiser

Hausfrau, 59 Jahre alt, aus Banteln

Würdigung der Jury für das Gedicht „Späte Gedanken“: Kurz und prägnant im Aufbau seiner nüchternen Sprache gibt das Gedicht sehr viel Raum für die Emotionen und Projektionen des Lesers.

Charlotte Jugel-Olzewski

Lehrerin aus Offenbach; ist in Hildesheim zur Schule gegangen und hat von dem Wettbewerb durch eine alte Schulfreundin erfahren.

Würdigung der Jury für das Gedicht „Denn du warst“: die Knappheit der Sprache und die innere Stringenz der melancholischen fast analytischen Bilder dahinter hat uns überzeugt.

Christine Dubenkropp

Dipl. Psychologin, 38 Jahre alt, aus Nettlingen.

Würdigung der Jury für das Gedicht „Hotline“: Die Stringenz der gereimten Sprache, der unaufdringliche Humor und die innere Authentizität, mit der die Isolation des Einzelnen in der modernen Gesellschaft thematisiert wird, hat uns überzeugt.

Mila Nabel (Pseudonym) Senioren-Studentin an der Universität und freie Künstlerin aus Hildesheim. Würdigung der Jury für das Gedicht „Nachts“: Dieses Gedicht hat von außen betrachtet eigentlich nichts und von innen betrachtet doch sehr viel – in seiner leidenschaftlichen Melodik zwischen Realität und Fiktion.

Natalia Hohmann Psychologin aus Elze, 29 Jahre alt, geboren in Kiew, lebt in Deutschland seit 1994. Würdigung der Jury für das Gedicht „Winter“: Die große lyrische Kraft ihrer Innenansichten, die Klarheit im Aufbau und die hervorragend ausgebauten Sprachbilder haben uns überzeugt.

Maarten Güpperts Schauspieler und Lyriker, 59 Jahre alt, aus Spiegelberg (BW), geb. in den Niederlanden, war lange Jahre in Hildesheim am Stadttheater engagiert. Würdigung der Jury für das Gedicht ohne Titel: Die hohe Kunst der Verknappung aufs Wesentliche und die bestechende Kraft einer phantasiebegabte Sprache haben uns überzeugt.

Gerhard Pleus (Mäc Poet)

freischaffender Clown und Autor, 55 Jahre alt, aus Gandersum; verschlägt die Liebe nach Hildesheim. Würdigung der Jury für das Gedicht ohne Titel: Ein Gedicht nur aus Überschriften als assoziatives Sprachbild und eine Art literarischer Zauberwürfel, der sogar funktioniert.

Arja Barton Grundschullehrerin, 45 Jahre alt, in Hildesheim geboren, lebt jetzt in Hille bei Minden und hat über eine Tante aus Borsum vom Wettbewerb erfahren.

Würdigung der Jury für das Gedicht „Morgens bei Sonnenaufgang“: Ein poetisch zartes und zugleich starkes Stillleben, absolut stimmig, wie die Bilder in diesem Gedicht entstehen und vergehen; sehr authentisch.

Alle Texte

Morgens bei

Sonnenaufgang

morgens

bei Sonnenaufgang

fang ich den Tau ein,

der sich auf Wiesen

und Sträucher gelegt hat

samtweich

gleiten die Tropfen

von den Halmen

auf meine Haut,

die sie gierig trinkt

kleine Nebelschwaden

lassen mich –

verschluckend –

ins Nichts laufen;

ohne mich

zu erschrecken

sie hüllen mich

zärtlich ein,

um mich

kurze Zeit später

wieder frei zu geben.

die aufgehende Sonne

wandelt sich

vom Rot ins Gelb

und lässt

schillernd leuchtende

Vögel

mit mir sprechen

die Glühwürmchen

machen ihre Lichter

aus;

sie fangen

Sonnenstrahlen ein,

um in der Nacht

wieder leuchten

zu können

meine Augen ? –

groß und weit,

um nichts

zu versäumen;

sie lassen

Wimpern fallen,

um Wünsche

herbei zu pusten

Anja Barton

Grundschullehrerin, 45 Jahre alt, in Hildesheim geboren, lebt jetzt in Hille und hat über eine Tante aus Borsum vom Wettbewerb erfahren.

Denn du warst

Schade

dass du gegangen bist

So endgültig

haben wir uns nie

Lebewohl gesagt

Alle Blumen verwelkt

Drei Handzettel

konservieren deine Schrift

Bleistift

denn du warst

vorsichtig

Kein Bild

kein Geschenk

für alle Fälle

Hättest du bleiben können

Charlotte Jugel

Lehrerin aus Offenbach; ist in Hildesheim zur Schule gegangen und hat von dem Wettbewerb durch eine alte Schulfreundin erfahren.

Hotline

Ich kriege nie jemals Besuch,

so nehme ich das Ortsnetzbuch.

Die Namen sind zwar Schall und Rauch,

doch etwas Trost gibt es mir auch.

Dort sind so viele Leute drin.

Sind sie allein, wie ich es bin?

Ich sehe sie mir erst nur an,

auf einmal denke ich daran,

dass dieses Schweigen fertig macht.

Es wird durchbrochen – heute Nacht!

Mein Finger wandert übers Blatt.

Wen er wohl – Stop! – gefunden hat?

Familie Baum guckt vielleicht fern

und mag es überhaupt nicht gern,

dass ich sie störe, kurz nach acht.

Mein Kopf: Er motzt. Mein Herz: Es lacht.

Ich wähle langsam, dann ganz schnell.

Das Tuten klingt erschreckend grell.

Es klingelt zehnmal – aus der Traum!

Was für ein Frust, was für ein… „Baum?“

Ich mag die Stimme zwar sofort,

doch trotzdem sage ich kein Wort.

„Hallo?“ sagt er. Oh Gott, ein Mann!

Warum ich bloß nichts sagen kann…

„Ich habe dafür keine Zeit.“

„Nein, warten Sie! Es tut mir leid!

Ich will nur reden, irgendwas.“

„Was für ein tolles Spiel ist das?“

Die Tränen steigen in mir auf.

Ich lasse ihnen freien Lauf.

Der arme Mann, schon ganz verstört,

kann gar nicht glauben, was er hört.

„Entschuldigung, Frau Unbekannt.“

„Schon gut, es hat mich übermannt.

Ich habe das noch nie gemacht.

Naja, was soll´s. Dann Gute Nacht.“

Ich zittere – es ist so kalt.

Die Seele friert… Da ruft er: „Halt!

Sie so verlassen kann ich nicht.“

Die Röte steigt mir ins Gesicht.

„Ey, he, hallo! Sind Sie noch da?“

Er klingt nervös. Ich sage: „Ja.“

Er fährt gleich fort: „Das freut mich, toll.“

Was dieser Spruch nun wieder soll?

„Jetzt sagen Sie, was Sie bedrückt.“

Dann flüstert er: „Das ist verrückt.“

Ich lache wie ein kleines Kind.

„Kann es auch sein, dass Sie es sind?“

Er lacht mit mir: „Das kann schon sein.

Man wird es halt, ist man allein.“

Ob er sich eben lustig macht?

Nee, das kann keiner, der so lacht.

Das Lachen war so frei und echt,

und so ein Mensch ist niemals schlecht.

Bevor ich es noch fassen kann,

erzähle ich dem fremden Mann

von meiner öden Einsamkeit,

von meiner tiefen Traurigkeit.

Es tut so gut, er hört mir zu.

Der letzte Zweifel fällt im Nu.

So träumen wir vom großen Geld,

von Urlaubsreisen um die Welt.

Wir reden uns die Münder heiß,

doch keiner von uns beiden weiß

genau, mit wem er gerade spricht –

das ist auch gleich, das zählt jetzt nicht…

Mein Blick zur Uhr – sie zeigt fast drei.

„Es wäre besser für uns zwei

ins Bett zu gehen, es ist spät.“

Wir sagen „Tschüss“. Und plötzlich lädt

er mich zu sich nach Hause ein.

„Wir köpfen dann den guten Wein.

Der steht hier schon seit einem Jahr.

Ein guter Anlass war nie da.“

„Oh, danke. Ja, das machen wir.“

Inzwischen ist es bald halb vier.

Ich lege auf und schwebe fort

an einen weit entfernten Ort.

Dass dies die beste Nummer war,

die ich je hatte, wird mir klar…!

Christine Dubenkropp

Dipl. Psychologin, 38 Jahre alt, aus Nettlingen.

Späte Gedanken

Alt sein, nichts geht mehr,

Zeit dahin, Zeit vertan.

Ich würde gerne, aber nein.

Was soll´s, vorbei.

Und doch, ich will.

Ich wage es, egal, was kommt.

Nichts zu verlieren,

leise Zweifel, doch etwas ist da.

Warum nicht?

Dorita Kaiser

Witwe, 59 Jahre alt, aus Banteln

wenn ich im Leben träume

durchschreite dabei Lebensräume

räume ich meinem Leben ein

ein wirklich wahrer Traum zu sein

Gerhard Pleus (Mäc Poet)

freischaffender Clown und Autor, 55 Jahre alt, aus Gandersum; verschlägt die Liebe nach Hildesheim.

worte entwöhnt

ringe ich nach luft

lippen wundverschwiegen

beugen sich dem ohr

zutiefst unhörbar

hetz ich voran

lahme hand

greift in mutterlose saat

schamlos geradezu

warten engel auf freigabe

Maarten Güppertz

Schauspieler und Lyriker, 59 Jahre alt, aus Spiegelberg (BW), geb. in den Niederlanden, war lange Jahre in Hildesheim am Stadttheater engagiert.

Nachts

Wenn das Licht des Tages,

sich vom Dunkel einholen lässt,

wenn alle Vögel still sind

und den Himmel meiden,

wenn Kinder von Piraten

und Geisterschiffen träumen,

wenn die Straßen stumm daliegen,

weil kein Motor mehr läuft,

dann, wenn die letzten Zecher heimgehen

und sich der Duft frischer Brötchen breit

macht,

dann lieb ich dich am meisten,

am meisten nachts.

Mila Nabel (Pseudonym)

Senioren-Studentin an der Universität und freie Künstlerin aus Hildesheim.

Winter

Weißer Rauch, kalte Luft

Silhouette eines Schornsteins auf der kahlen Wand

Wann wird es schneien?

Wird es überhaupt?

Fremde Tür,

Fremde Erde in meinem Garten

Felder voller Wehmut und Verlust vor meinem Haus

Ich öffne die Tür – soll ich rausgehen?

Ich sehne mich nach dem Glitzern der Eiskristalle

Der Schnee bedeckt die Traurigkeit

Es wird warm im Herzen

Wie kann man Winter hassen?

Kalte Luft strömt wie ein Wasserfall in meine Lungen.

Wenn der Schnee schmilzt kommt alles Alte zum Vorschein,

Das neue Grün ist nur eine Wiederholung

Ich ruhe mich aus so lange wie der Winter andauert

Mir ist warm, die Welt schläft.

Ich stehe und kuschele mich fester in die Vertrautheit

Ich werde die Welt nicht wecken

Frühling kann warten

So lange ich mich geborgen und sicher fühle

In meinen Erinnerungen

So weit weg wie ein früheres Leben

Unbekümmertes Lachen der Kindheit,

Unrealistische Einschätzung des Lebens,

Süße Melancholie der Vergangenheit,

So fern wie der Nebel der Galaxien.

Natalia Hohmann

Psychologin aus Elze, 29 Jahre alt, geboren in Kiew, lebt in Deutschland seit 1994.

Lyrikwettbewerb 2009Grenzen des Schweigens

Lyrikwettbewerb 2010

Es ist, wie es ist

Lyrikwettbewerb 2012

Wenn die Zeit stehen bleibt

Literaturwettbewerb 2014

Was mir heilig ist

Literaturwettbewerb 2017

Zwischen den Zeilen

Literaturwettbewerb 2020

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